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Engere Wahl | Wohnquartier am Böllberger Weg

Wohnquartier am Böllberger Weg in Halle (Saale), 1. BA

Jahr
2019

Auszeichnung
Engere Wahl

 

Mit

Schönborn Schmitz Architekten, Berlin (DE)

Auszug aus dem Preisgericht:

"Die Verfasser legen eine eigenständige, stimmig durchgearbeitete städtebauliche und architektonische Konzeption vor. Sie entwerfen ein städtisches Quartier, dessen Architektur und Materialität Bezug auf die benachbarten Industriebauten nimmt. Dabei legen sie weniger den Wert auf das „Fließen“ des Landschaftsraums zwischen den Gebäuden hindurch als vielmehr auf klar definierte, orthogonale Stadträume und Baukörper. Konsequenterweise besteht das Quartier aus seriell aufgereihten, kubischen Gebäuden, Mehrfamilienhäusern auf dem Baufeld TG 5 und Doppelhäusern auf dem Baufeld TG 4, die im Wesentlichen eine identische Typologie und Architektursprache aufweisen. Genauso seriell wie die Gebäude sind dabei auch die Eingangssituationen und die Zwischenräume entwickelt. Die klar formulierte städtebauliche und architektonische Haltung führt zur einer Reihe von Entscheidungen, wie z.B. zu relativ engen Zwischenräumen, großer räumlicher Dichte sowie zur Wiederholung und einer gewissen Starrheit der Anordnung. Diese lässt sich aus dem Konzept stimmig ableiten und trotzdem die Frage aufwerfen, ob die vorgeschlagene Architektur und Dichte die richtigen Antworten auf den landschaftlich geprägten Ort darstellen.

Der Freiraum überzeugt durch seine klare Gliederung in öffentliche, halböffentliche und private Freiräume. Die privaten Reihenhausgärten greifen gekonnt die Topographie auf und schaffen Raum für Privatheit. Der Quartiersplatz mit Spielangeboten im Südosten korrespondiert mit punktuellen Spielangeboten entlang der Planstraße A und führt über einen „Spielhang“ zur „Saaleterrasse“ im Nordwesten, wo es die hindernisfreie Nutzung des notwendigen Verkehrsraumes zu prüfen gilt. Den EG-Zonen auf dem oberen Niveau werden partiell private Gartenflächen zugeordnet, die sich wie selbstverständlich mit halböffentlichen Aufenthaltsflächen verzahnen, die gleichzeitig die notwendigen Feuerwehraufstellflächen gewährleisten.

Die Typologie der Häuser ist ähnlich klar und konsequent ausgearbeitet wie das städtebauliche Konzept und bleibt dabei genauso abstrakt. Die Grundrisse der Mehrfamilienhäuser mit vier Wohnungen, die gleichmäßig um den Erschließungskern angeordnet sind, scheinen eher dem Willen zu einer klaren typologischen Ordnung verpflichtet zu sein, als dem Bemühen, auf die unterschiedlichen landschaftlichen Situationen, Ausblicke und Himmelsrichtungen zu antworten. Die gewählte Typologie führt fast zwangsläufig zu Grundrissen mit langen Fluren, seriell aufgereihten Zimmern und innenliegenden Sanitärräumen, welche den Anforderungen an räumliche Vielfalt und Variabilität möglicher Wohnungsgrundrisse nicht entsprechen.

Die Architektursprache entwickelt das gewählte städtebauliche Leitbild weiter. Sie ist zurückhaltend, klar und doch nicht monoton. Das neue Quartier stellt ein kontrastreiches Gegenbild zu dem fließenden Landschaftsraum dar und bezieht aus diesem Kontrast seine Stärke. Der übersichtliche Aufbau der Grundrisse mit optimierter Erschließung und minimierten Fassadenflächen gewährleistet eine wirtschaftliche Realisierbarkeit des Projekts, das ohne Sonderkonstruktionen mit konventionellen Mitteln ausgeführt werden könnte. Die auf einem großzügigen Raster aufgebauten Klinkerfassaden integrieren unterschiedliche Fenstergrößen, ohne ihre großzügige, regelmäßige Ausstrahlung zu verlieren. Der den jeweiligen Räumen angemessene Glasanteil gewährleistet gute klimatische Konditionen. Das Projekt entspricht in wesentlichen Punkten den städtebaulichen und baurechtlichen Anforderungen, die Abweichungen könnten mit geringem Aufwand geklärt werden.

Die am kontroversesten zu besprechende Frage ist, ob das gewählte Leitbild, aus dem sich die städtebauliche und die architektonische Konzeption ableiten und die Konsequenzen, zu denen sie führen, wirklich die richtige Reaktion auf den gegebenen Ort sind und ob sie eine angemessene Antwort auf die künftigen Wohn- und Lebensformen darstellen."